Der Flexible-PU-Leitfaden behandelt das mechanische Recycling flexibler PU-Schäume sowie die Depolymerisation mit Re-Polyol als Output. RP betrifft das Abfallrecycling, RC entsprechende Folgestufen; SP kann bei der Inputvorbereitung relevant sein. Es handelt sich weder um ein eigenes Programm noch um eine pauschale Pflicht zu drei Zertifikaten.
Flexible Polyurethanschäume werden unter anderem in Matratzen, Polstermöbeln und Komfortprodukten eingesetzt. Bei ihrem Recycling sind Demontage, Fremdmaterialien, Bindemittel, Feuchte und weitere Verarbeitungsschritte zu berücksichtigen. Das Dokument „Guidance for Interpretation – Flexible Polyurethane“, Version 1, erläutert, wie diese Aspekte im RecyClass-System bewertet werden.
Der Leitfaden betrifft hauptsächlich Recycling Process (RP) und gegebenenfalls Recycled Plastics Traceability (RC). Die Entscheidungsbäume beziehen außerdem Sorting Process (SP) bei der Bewertung der Inputvorbereitung ein. Die einzelnen Programme erfüllen unterschiedliche Aufgaben innerhalb einer Materialkette.
1. Was umfasst der Flexible-PU-Leitfaden?
Das Dokument ergänzt die RecyClass-Auditschemata, Auditorenleitfäden, Checklisten und Verfahren. Es ersetzt diese nicht und begründet weder ein eigenständiges Zertifizierungsprogramm noch ein weiteres Modul A–D.
Es behandelt zwei Wege:
- Mechanisches Recycling von flexiblem PU — unter anderem Zerkleinern, Mahlen, erneutes Verbinden der Schaumpartikel mit einem Bindemittel (Rebonding), Dampfaktivierung, Trocknen sowie anschließendes Schneiden, Schälen oder Laminieren.
- Chemische Depolymerisation von flexiblem PU — soweit die bewertete Ausgangsfraktion recyceltes Polyol, also Re-Polyol, ist.
Starres PU und thermochemische Verfahren wie Pyrolyse fallen nicht unter diesen Leitfaden. Beim chemischen Weg wird die Bewertung nicht auf beliebige Reaktionsprodukte, etwa zurückgewonnene Isocyanate, ausgedehnt. Bei Prozessen oder Konfigurationen außerhalb der beschriebenen Entscheidungsbäume muss die Zertifizierungsstelle vor der Fortsetzung der Bewertung RecyClass kontaktieren.
2. Wie unterscheiden sich die Rollen von SP, RP und RC?
Sorting Process — Vorbereitung und Kontrolle des Inputs
Bei vollständigen gebrauchten Matratzen oder gemischtem Sperrmüll muss nachgewiesen werden, wie PU-Schaum von Latex, Textilien, Bezügen, Metallen und anderen Fraktionen getrennt wird. Entfernte Materialien müssen identifiziert und gewogen werden, damit die dem Recycling zugeführte PU-Menge verlässlich belegt ist.
Die Entscheidungsbäume sehen die Prüfung vor, ob ein vorgelagerter Vorgang oder die Tätigkeit des Antragstellers nach Sorting Process oder „Guidance for Interpretation: Input Waste“ bewertet werden kann. Daraus folgt keine pauschale Pflicht, dass jede PU-Recyclinganlage ein separates SP-Zertifikat benötigt. Entscheidend sind die tatsächliche Aufteilung der Tätigkeiten und die Kontrolle des Inputs. Unzureichend kontrollierte Materialvorbereitung verhindert die Fortsetzung der Zertifizierung.
Recycling Process — Umwandlung von Abfall in Recyclingmaterial
Nimmt eine Organisation rechtlich als Abfall eingestuftes Material an und führt einen Recyclingvorgang durch, ist RP der einschlägige Weg. Bei Flexible PU kann der Output entsprechend definierter Verbundschaum oder Re-Polyol aus dem erfassten Depolymerisationsprozess sein.
Recycled Plastics Traceability — weitere Nutzung des Materials
Erhält eine Organisation Material mit Produktstatus oder den Output eines vorherigen Recyclingvorgangs, hängt die Anwendbarkeit von RC von ihrer Rolle, dem Prozess und den Aussagen zum Material ab. Der vorgelagerte Recyclingvorgang muss durch RP oder einen anderen von RecyClass akzeptierten Weg abgedeckt sein.
Produktstatus allein belegt keine Herkunft aus dem Recycling. PU-Abschnitte, Nebenprodukte und andere Rückstände dürfen nicht automatisch als Abfall, Recyclingmaterial oder Grundlage einer Aussage zum Rezyklatanteil eingestuft werden. Erforderlich sind Nachweise zu Herkunft, bisheriger Behandlung und Recyclingvorgang.
3. Mechanisches Recycling: Was umfasst das Zertifikat genau?
Der bewertete Output kann ein Block, Zylinder, eine Platte, Rolle, ein Mattenkern, eine Komponente oder ein fertiges Produkt aus Verbundschaum sein. Die ausgewählte Stufe muss klar definiert, messbar und mit den Input- und Produktionsunterlagen verknüpft sein.
Der Geltungsbereich endet an der letzten Stufe, an der physische Rückverfolgbarkeit und Messbarkeit erhalten bleiben. Kann ein Betrieb Masse und Zusammensetzung eines Zylinders nachweisen, verliert aber beim Schälen, Laminieren oder Montieren die Kontinuität der Aufzeichnungen, darf er das Zertifizierungsergebnis nicht auf das Endprodukt übertragen. Der Geltungsbereich endet dann beim Zylinder.
Die Produktionsdaten müssen neben PU auch Bindemittel, Farbstoffe, Additive, Klebstoffe, zurückgeführtes Material und wesentliche Verluste erfassen.
4. Feuchte: Eine Bilanzkorrektur ändert nicht die Berechnung des Rezyklatanteils
Dampfaktivierung, Trocknung und Lagerung können die Masse des Schaums beeinflussen. Der Leitfaden erlaubt eine dokumentierte Feuchtekorrektur bei der Mengenabstimmung (Volume Reconciliation). Die Korrektur dient der Mengenbilanz und darf die reguläre Berechnung des Rezyklatanteils nicht verändern.
Vorgesehen sind zwei Methoden:
- Methode A — repräsentative gravimetrische Feuchtebestimmung. Proben aus Oberfläche und Kern des Schaums werden bis zur Massenkonstanz getrocknet. Bei mehreren Proben wird der Feuchteanteil anhand ihrer gesamten Nass- und Trockenmassen berechnet.
- Methode B — Massendifferenz einer Charge. Die trockenen Inputs vor der Dampfaktivierung werden mit dem Output auf der bewerteten Stufe verglichen, sofern alle wesentlichen Zugaben und Verluste außer Wasser bekannt oder konservativ geschätzt sind.
Bei Methode A beträgt der Feuchteanteil (Nassmasse − Trockenmasse) / Nassmasse. Die korrigierte Ausgangsmasse für die Bilanz ist gemessene Ausgangsmasse × (1 − Feuchteanteil).
Rechenbeispiel: Bei repräsentativ nachgewiesener Feuchte von 5 % und einer gemessenen Ausgangsmasse von 1.000 kg ergibt sich eine korrigierte Bilanzmasse von 950 kg. Daraus folgt keine Berechtigung, den deklarierten Rezyklatanteil automatisch zu erhöhen.
Die Korrektur darf unbekannte Verluste oder fehlende Aufzeichnungen nicht verdecken. Zunächst müssen die tatsächlichen Materialflüsse nachvollzogen werden; erst danach kann die verbleibende Differenz als Feuchte begründet werden.
5. Abschnitte und Rückführung: Wie wird Doppelzählung vermieden?
Zurückgeführtes Material wird nicht automatisch zu Material mit 100 % Rezyklatanteil. Es behält den dokumentierten Rezyklatanteil der ursprünglichen Charge oder Produktionsperiode.
Stammen 10 kg Abschnitte aus einem Schaum mit 50 % Rezyklatanteil, bringen sie 5 kg nachgewiesenes Recyclingmaterial in die nächste Produktion ein. Die gesamten 10 kg dürfen dieser Fraktion nicht zugerechnet werden.
Der Betrieb sollte Masse, Herkunftscharge oder -periode, Rezeptur, ursprünglichen Rezyklatanteil und erneuten Einsatzort kennen. Bei kontinuierlicher Rückführung ist ein Modell notwendig, das diese Daten zwischen den Perioden überträgt und eine mehrfache Anrechnung derselben Masse verhindert.
Im Beispiel des Leitfadens erzeugt eine Charge mit 90 % Rezyklatanteil Abschnitte mit demselben Anteil. Die nächste Charge aus 90 kg dieser Abschnitte und 10 kg Neuware enthält 81 % Rezyklat. Eine Wiederholung ergibt 72,9 % und nicht erneut 90 %.
Lassen sich ursprüngliche Charge oder Periode, Rezeptur oder Rezyklatanteil nicht nachweisen, wird der zurückgeführten Masse ein Rezyklatanteil von 0 % zugewiesen.
6. Depolymerisation: Bewertet wird das endgültige Re-Polyol
Für Verfahren wie Glykolyse, Acidolyse, Hydrolyse oder Aminolyse sind die Reaktion und die tatsächlichen Materialflüsse zu beschreiben. Das Fließbild sollte PU-Input, Reagenzien, Tanks, Reaktionsstufen, Filtration, Trennung, Zugaben, Lagerung, Versand, Verluste und Nebenströme erfassen.
Eine theoretische Beschreibung oder stöchiometrische Berechnung kann die Technologie erläutern, ersetzt aber keine Produktionsaufzeichnungen, physische Rückverfolgbarkeit oder kontrollierte Mischung.
Der zertifizierte Output kann Re-Polyol nach Filtration und Qualitätsfreigabe oder die endgültige Mischung nach Qualitätsanpassung und Zugabe weiterer Bestandteile sein. Werden vor dem Versand neues Polyol, Stabilisatoren oder andere Stoffe zugegeben, muss die tatsächlich zum Verkauf freigegebene Zusammensetzung die Bewertungsgrundlage bilden.
Die Zugabe von Neuware schließt eine Zertifizierung nicht grundsätzlich aus. Sie muss jedoch in der regulären Berechnung des Rezyklatanteils und im physischen Modell der kontrollierten Mischung berücksichtigt werden.
7. Tanks, Chargen und Restmaterial zwischen Kampagnen
Die Einheit, der ein Rezyklatanteil zugewiesen wird, kann beispielsweise eine freigegebene Reaktorcharge, eine isolierte Tankcharge, eine Lagerkampagne, eine IBC-Abfüllcharge oder ein Massengutversand sein. Sie muss eine konkrete Materialmenge mit Produktions-, Lager- und Versandaufzeichnungen verbinden.
Werden mehrere Chargen in einem Tank gemischt, muss das Zusammensetzungsmodell Anfangsbestand, Zuflüsse, Zugaben, Transfers, Teilentnahmen und Endbestand berücksichtigen. Ist die Zusammensetzung rekonstruierbar, wird den entsprechenden Lieferungen der berechnete gewichtete Wert zugewiesen.
Ist die genaue gewichtete Zusammensetzung nicht rekonstruierbar, sind aber sämtliche enthaltenen Chargen und deren Rezyklatanteile bekannt, gilt für die betreffende Kampagne oder Periode der niedrigste verifizierte Wert. Fehlt sogar die Grundlage für diese konservative Zuordnung, ist die Rückverfolgbarkeit unzureichend.
Zwischen Kampagnen im Tank verbleibendes Material muss mit seiner Masse, Zusammensetzung und seinem Rezyklatanteil in den nächsten Anfangsbestand übernommen werden. Der Beginn einer neuen Abrechnungsperiode ist kein Grund, es unberücksichtigt zu lassen.
8. Welche Rolle spielt CertiPUR?
Beim mechanischen Recycling kann ein gültiges CertiPUR-Zertifikat mit passendem Geltungsbereich die Erfüllung der RP-Anforderung 9.9 zu Produktvorschriften unterstützen. Der Geltungsbereich muss zum bewerteten Schaum, zur Produktfamilie und zur Inputkonfiguration passen.
CertiPUR ersetzt nicht die RecyClass-Bewertung von Recyclingherkunft, Rückverfolgbarkeit, Mengenbilanz oder Berechnung des Rezyklatanteils.
CertiPUR zertifiziert kein flüssiges Re-Polyol. Für diesen Output eines chemischen Recyclers sind Unterlagen erforderlich, die dem Status und Verwendungszweck des chemischen Produkts entsprechen. Eine spätere Bewertung des aus diesem Polyol hergestellten Schaums ist eine eigene Stufe.
9. Welche Daten werden für die Flexible-PU-Bewertung benötigt?
Vor der Festlegung des Geltungsbereichs sollten folgende Informationen geordnet werden:
- Beschreibung der Tätigkeiten und Materialflussdiagramm;
- rechtlicher Status, Herkunft und bisherige Verarbeitung des Inputs;
- Daten zur Demontage, Sortierung und Masse der entfernten Fraktionen;
- Messwerte für PU, Bindemittel, Additive, zurückgeführtes Material, Output und Verluste;
- Definition und Spezifikation des zertifizierten Outputs;
- Nachweise für eine etwaige Feuchtekorrektur;
- Rezepturen und Rückverfolgbarkeitsmodell für die Materialrückführung;
- bei Re-Polyol: Zertifizierungseinheiten, Tankzusammensetzung und Zuordnung zu Lieferungen;
- Unterlagen zu Produktvorschriften und geeignete Lieferantennachweise.
Die Unterlagen müssen den tatsächlichen Prozess abbilden. Eine reine Einkaufs- und Verkaufsübersicht löst keine Probleme mit unbekannter Zusammensetzung, fehlenden Massen oder unkontrollierter Inputvorbereitung.
FAQ
Bezeichnet Flexible PU sämtliche flexiblen Verpackungen?
Nein. Der Leitfaden betrifft flexibles Polyurethan, vor allem Schäume. Er ist nicht mit allgemeinen Leitlinien für PE- oder PP-Folien gleichzusetzen.
Braucht jedes Unternehmen SP, RP und RC?
Nein. Maßgeblich sind die Tätigkeit, der rechtliche Materialstatus und die Aussagen zum Material. SP kann bei der Inputvorbereitung, RP beim Abfallrecycling und RC bei entsprechenden nachgelagerten Nutzungsstufen relevant sein.
Kann RP ein fertiges Produkt aus Verbundschaum erfassen?
Der Leitfaden sieht auch diesen Geltungsbereich vor, sofern die bewertete Stufe messbar und rückverfolgbar bleibt und die einschlägigen Anforderungen erfüllt sind. Die Produktbezeichnung allein entscheidet nicht über die Eignung.
Kann Feuchte als fehlende Position in der Mengenbilanz angesetzt werden?
Nicht ohne Nachweise. Korrigiert werden darf nur nachgewiesene Feuchte, nachdem tatsächliche Inputs, Zugaben und Verluste berücksichtigt wurden. Die Regeln zur Berechnung des Rezyklatanteils ändern sich dadurch nicht.
Hat zurückgewonnenes Polyol immer einen Rezyklatanteil von 100 %?
Das darf nicht automatisch angenommen werden. Der Wert muss aus der geeigneten Berechnung für die endgültige Zusammensetzung und den dokumentierten Materialflüssen hervorgehen, auch nach der Zugabe neuer Bestandteile.
Das passende Zertifizierungsprogramm bestimmen
Am Anfang stehen die Definition des Eingangsmaterials, der Tätigkeit und des Outputs, für den eine Aussage getroffen werden soll. Einzelheiten finden Sie auf den Seiten zu Sorting Process, Recycling Process und Recycled Plastics Traceability.
Nennen Sie in Ihrer Anfrage an Almaland Materialstatus, Schaumherkunft, Demontage- oder Recyclingvorgänge und die Form des Outputs. So lassen sich der passende Weg und Geltungsbereich der Zertifizierung bestimmen. Zum Kontaktformular.
