ISO 22095 bietet einen allgemeinen Rahmen für die Produktkette. Sie bestätigt für sich allein keinen Rezyklatanteil. Dafür braucht es definierte Materialeigenschaften, belastbare Aufzeichnungen und die Regeln des jeweiligen Zertifizierungsprogramms.
Ist ISO 22095 eine RecyClass-Norm oder ein Zertifikat für den Rezyklatanteil?
Nein. ISO 22095 ist eine allgemeine Norm zu Begriffen und Modellen der Produktkette (Chain of Custody). Sie beschreibt, wie Eigenschaften von Materialien oder Produkten durch Lieferketten verfolgt werden. RecyClass nutzt ihre Grundlagen, insbesondere kontrolliertes Mischen, hat aber eigene Auditprogramme, Anforderungen und Regeln für zulässige Angaben.
1. Die Produktkette umfasst mehr als die Chargennummer
Rückverfolgbarkeit beschreibt die Möglichkeit, Historie, Standort oder Quelle eines Materials nachzuvollziehen. Die Produktkette ergänzt Regeln dafür, wie eine bestimmte Materialeigenschaft in aufeinanderfolgenden Stufen erhalten, gemischt, zugeordnet und kommuniziert wird.
Bei Recyclingkunststoffen kann diese Eigenschaft beispielsweise der Rezyklatanteil sowie dessen Pre-Consumer- oder Post-Consumer-Herkunft sein.
2. ISO 22095 schafft einen allgemeinen Rahmen
ISO beschreibt einen gemeinsamen Ansatz und einheitliche Begriffe für unterschiedliche Produktketten. Organisationen und Programmeigner können die Norm als Bezugspunkt nutzen.
Die Norm selbst legt jedoch keine detaillierten RecyClass-Anforderungen zu Lieferantenzertifikaten, Mengenbilanz, Plausibilitätsprüfung oder Produktumfang fest. Diese stammen aus dem jeweiligen Zertifizierungsprogramm.
3. Recycling Process und RPT beziehen sich auf ISO 22095:2020
Die offiziellen RecyClass-Seiten nennen die Ausrichtung von Recycling Process und Recycled Plastics Traceability an EN 15343 und den Modellen der Produktkette nach ISO 22095:2020.
RPT verwendet ausdrücklich kontrolliertes Mischen. Dabei bleibt der tatsächliche Rezyklatanteil im Ausgangsmaterial bekannt.
4. Segregation bedeutet physische Trennung
Bei der Segregation wird Material mit einer bestimmten Eigenschaft von Material ohne diese Eigenschaft getrennt gehalten. Im RecyClass Recycling Process bleiben zertifizierte Recyclingkunststoffe dabei physisch von anderen Materialien getrennt.
Dies kann den Herkunftsnachweis vereinfachen, setzt aber gut organisierte Lagerbereiche, Linien und Materialflüsse voraus.
5. Kontrolliertes Mischen erlaubt bekannte Mischungsverhältnisse
Beim kontrollierten Mischen können Recyclingkunststoffe physisch mit Neuware, Additiven, Masterbatches oder Füllstoffen kombiniert werden. Der Rezyklatanteil in einem definierten Ausgangsmaterial muss bekannt und dokumentiert bleiben.
Eine Eigenschaft darf dabei nicht rein rechnerisch einem beliebigen Produkt zugeteilt werden. Das Rezyklat ist in einem bekannten Anteil physisch im Produkt vorhanden.
6. Massenbilanz ist ein anderes Modell der Produktkette
Das Massenbilanzmodell unterscheidet sich vom kontrollierten Mischen. 2026 veröffentlichte ISO den eigenen Teil ISO 22095-2 mit Anforderungen und Leitlinien zur Massenbilanz. Auch dies verdeutlicht, dass die Modelle keine Synonyme sind.
RecyClass Recycling Process und RPT beschreiben ihre Programme weiterhin mit Bezug auf kontrolliertes Mischen und nicht als allgemeine freie Zuordnung von Eigenschaften über eine Massenbilanz.
7. ISO 22095 bestätigt für sich allein keine Produktaussage
Die offizielle ISO-Beschreibung stellt klar, dass allein das Vorhandensein eines Produktkettensystems keine bestimmte Produktaussage bestätigt. Zusätzlich müssen Regeln festlegen, welche Eigenschaft verfolgt wird und unter welchen Bedingungen sie angegeben werden darf.
Ein Unternehmen sollte daher nicht vermitteln, dass ISO 22095 automatisch 50 % PCR bedeutet. Der Prozentsatz muss aus Daten und einem geeigneten Bewertungssystem hervorgehen.
8. EN 15343 und ISO 22095 ergänzen sich
EN 15343 behandelt unmittelbar die Rückverfolgbarkeit beim Kunststoffrecycling und die Bewertung des Rezyklatanteils. ISO 22095 hat einen breiteren Anwendungsbereich für Produktketten von Materialien und Produkten.
RecyClass nutzt beide Bezugspunkte: EN 15343 für Rückverfolgbarkeit und Rezyklatanteil bei Kunststoffen, ISO 22095 für Modelle der Produktkette.
9. Weiterentwicklung der Norm im Jahr 2026
ISO 22095:2020 ist weiterhin veröffentlicht und verfügt über Amendment 1:2026. Zugleich laufen Arbeiten an ISO/CD 22095-1, das künftig die allgemeine Norm ersetzen soll.
Bei langfristigen Verfahrensanweisungen sollten ISO-Aktualisierungen daher verfolgt werden. Im RecyClass-Audit bleiben die im jeweils geltenden Audit Scheme angegebenen Dokumentversionen maßgeblich.
10. Die Produktkette im Betrieb umsetzen
Für jede Übergabe sollte nachvollziehbar sein, welches Material mit welchem Status und welcher Menge einging, wo es lagerte, womit es kombiniert wurde, welches Ausgangsmaterial entstand und welche Angabe weitergegeben werden darf.
Eine belastbare Produktkette verbindet physische Identifikation, Dokumentation, Mengenkontrolle und Kommunikationsregeln.
FAQ
Kann ISO 22095 allein einen Rezyklatanteil bestätigen?
ISO 22095 ist selbst keine solche Bestätigung. Erforderlich ist ein konkretes Programm oder Bewertungssystem, das Materialeigenschaft und Prüfung festlegt.
Verwendet RecyClass Massenbilanz?
Recycling Process und RPT beziehen sich auf kontrolliertes Mischen. Die Begriffe dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Bedeutet kontrolliertes Mischen, dass Rezyklat physisch vorhanden ist?
Ja. Im RecyClass-Modell bleibt der Rezyklatanteil im Ausgangsmaterial bekannt und ergibt sich aus dem tatsächlichen Materialfluss.
Ist ISO 22095:2020 im Jahr 2026 noch aktuell?
Sie ist weiterhin veröffentlicht und hat Amendment 1:2026. Die Arbeiten an der künftigen ISO 22095-1 haben ebenfalls begonnen.
Sind EN 15343 und ISO 22095 dieselbe Norm?
Nein. Es sind unterschiedliche Dokumente mit ergänzenden Aufgaben.
